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Turmfalken live auf Bildschirm

Von Birgit Andert in Sächsische Zeitung vom 06.01.2007

Radebeul. Im Jahr des Falken will die Lutherkirche mit einer Kamera das Pärchen, das auf dem Ostturm nistet, sichtbar machen.

Das größte Spektakel ist zu erwarten, wenn im Frühjahr die sibirischen Krähen kommen. "Die großen Vögel wollen unseren Turmfalken ihr Nest streittig machen", erzahlt Christian Mendt, "und so kommt es dann zu regelrechten Kämpfen."

Der Lutherkirchenpfarrer hat die zwei Falken, die im Ostturm seiner Kirche nisten, nun schon eine ganze Weile beobachtet. "Im März kommen sie zur Kirche zurück und bauen ihr Nest ein bisschen nach", erzählt er, "im April legen sie ihre Eier und brüten, dann schlüpfen die Jungen und werden gefüttert, und im Juli lernen die Kleinen das Fliegen." Als im vergangenen Jahr für die Baumaßnahmen das Gerüst um die Kirche stand, sei er selbst überrascht gewesen, was die Vögel ihrem Nachwuchs alles anbieten. "Vogelbeine, Eidechsen, Mäuse - das bringen die Alten ihren kleinen Küken", sagt der Pfarrer.

Nestbau wird übertragen

Pfarrer Christian Mendt
Lutherkirchen-Pfarrer Christian Mendt setzt sich in Radebeul für die
Turmfalken ein.

Inzwischen sind die Arbeiten am Ostturm der Kirche beendet, das Gerüst ist lange abgebaut. Die Aktivitäten der beiden Turmfalken will die Kirchgemeinde aber dennoch weiter verfolgen. "Wir planen, bis März eine Kamera am Hauptturm der Kirche zu installieren", sagt Mendt, "und das Geschehen im Nest in den Vorraum der Kirche zu übertragen." Die Idee würde nicht nur den Gemeindemitgliedern eine Abwechslung vor jedem Kirchgang bringen. Ab Anfang April ist die Kirche wieder jeden Tag für jedermann geöffnet - sodass alle Interessierten immer mal einen Blick ins Nest werfen könnten.

Beobachtung mit den Jungen

Inspiriert wurde der Pfarrer durch die Tatsache, dass der Turmfalke (lat. Falco tinnunculus) zum Vogel des Jahres 2007 ausgerufen wurde. "Wir wollen gern der Öffentlichkeit zeigen, wie unsere Vögel ihre Jungen füttern und großziehen", erklärt er. Für die Umsetzung seiner Idee sucht Mendt jetzt noch Ornithologen, die die Präsentation auch fachlich begleiten und eventuell Radebeuler Schulen in das Projekt einbinden. "Wir laden auf jeden Fall schon jetzt alle Schulen ganz herzlich zu uns sein", sagt Mendt.

Was in Radebeul bis zum Frühjahr erst entstehen soll, das gibt es in der Nachbarstadt schon seit etwa einem halben Jahr. In Coswig hat der Verein Bürgernetz Dresden auf dem Kirchturm nicht nur einen Hotspot für einen schnellen Internetzugang installiert, sondern am Brutkasten für die Turmfalken gleichzeitig eine Webcam angebaut. "Im vergangenen Jahr waren die Bilder schon auf der Internetseite der Stadt zu sehen", sagt Gerd Fehre, der in Coswig für das Bürgernetz zuständig ist. Derzeit seien die Bilder jedoch nicht im Netz verfügbar, weil die Kamera verrutscht ist. "Es lohnt sich sowieso erst, wenn die Vögel brüten, die Bilder zu übertragen", sagt Fehre und verspricht, dass Besucher der Internetseite der Stadt ab Frühjahr wieder fündig werden.

Ganz ohne Technik leben die Turmfalken an der Kirche in Moritzburg. "Als wir Anfang der 90er Jahre mit der Sanierung der Kirche begannen, hat sich herausgestellt dass irgendwo auch Turmfalken nisten", erzählt der Diakon Helmut Loose. Während der Turmsanierung seien die Vögel verschwunden, um nach abgeschlossenen Bauarbelten aber wieder aufzutauchen. "Wir haben extra einen Nistkasten am Turm angebracht", erklärt Loose, "die Vögel haben sich jedoch eine andere Stelle ausgesucht." Wie die Spuren zeigen, leben die Tiere über dem Kirchenportal hinter der großen Steinfigur. "Es kommt vor, dass sich einer der beiden unserem Paulus auf die Schulter setzt", erklärt der Diakon.

Sind sie wieder zurück?

Nicht ganz geklärt ist die Frage, ob auch an der Evangelischen Grundschule von Radebeul wieder Turmfalken nisten. Das Pärchen hatte seine Niststätte im alten Gefängnis von Kötzschenbroda, das bis zum vergangenen Jahr hinter der Schule stand. Als das Gebäude abgerissen wurde, verlangte die Untere Naturschutzbehörde, dass Ersatz geschaffen wird. Seit dem vergangenen Frühjahr hängt an der Schule deshalb jetzt ein Nistkasten für die Falken. "Unsere Kinder haben dort noch keine Vögel beobachtet", erklärt die Schulleiterin Rita Christmann. Steffen Wesser von der Naturschutzbehörde berichtet dagegen, dass am Nistkasten bereits Falken gesichtet wurden. Vielleicht ist dieser Widerspruch ja im Jahr des Turmfalken ein Ansporn für die Kinder, genauer hinzusehen...

Der Turmfalke

  • Im Jahr 2007 wurde der Turmfalke zum "Vogel des Jahres" gekürt.
  • Größe: rund 35 Zentimeter Körpergröße und 75 Zentimeter Flügelspannweite.
  • Kennzeichen des Turmfalken ist der "Rüttelflug". Dabei späht er mit heftigen Flügelschlägen und breit gefächertem Schwanz in der Luft stehend nach Mäusen, Eidechsen und Insekten, die er im schnellen Stoß geschickt erbeutet.
  • In Deutschland leben knapp 50 000 Turmfalken-Paare.
  • Die Bestandszahlen gehen langsam, aber stetig zurück (durch Versiegelung freier Flächen, Wegfall von Nistmöglichkeiten nach Sanierung von Gebäuden).