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In Coswig läuten die Glocken per Handy

Von Torsten Oelsner in Sächsische Zeitung vom 05./06.03.2011

Bei Begräbnissen gibt es jetzt eine Funkverbindung zum Kirchturm. Das hilft den Frauen im Pfarramt.

Läuten per Handy
Läuten per Anruf: Friedhofsverwalter Johannes Papperitz kann über sein Handy auch aus weiter Entfernung die Glocken der Coswiger Peter-Pauls-Kirche zum Läuten bringen. Eine Erleichterung besonders bei Trauerfeiern. Foto: Kube/SZ

Das Coswiger Pfarramt hat jetzt einen ganz neuen Draht nach "oben". Per Handy lässt sich seit Kurzem das Geläut der Peter-Pauls-Kirche ansteuern. Das ist vor allem bei christlichen Begräbnissen eine Erleichterung. Bisher war die Umrahmung mit Glockenläuten etwas umständlich und verlangte von Pfarrer Ullrich Schuster auch eine gehörige Portion schauspielerisches Talent.
Denn der Friedhof an der Salzstraße liegt einen knappen Kilometer von der Kirche entfernt.

Geheimknopf am Altar

Coswigs Pfarrer Ullrich Schuster an der größten Glocke seiner Kirche
Coswigs Pfarrer Ullrich Schuster an der größten Glocke im Geläut seiner Kirche in Coswig.
Foto: Archiv/Bonß/SZ

Bisher war es so, dass die Frauen im Coswiger Pfarramt bei Beerdigungen immer in Hab-Acht-Stellung waren. Denn wenn sich die Trauerfeier mit dem Schlussgebet ihrem Ende zuneigte, hob Pfarrer Schuster die Stimme und drückte unbemerkt einen Knopf am Altar der Friedhofskapelle. Dieser Knopf ließ eine Klingel im Nachbarraum schrillen, wo Friedhofsleiter Johannes Papperitz wartete. Der griff auf das Klingeln zum Telefon und gab im Pfarramt Bescheid. Dort machten sich dann Steffi Kaul oder Christine Zschippang auf den gut zweiminütigen Weg zur großen Coswiger Kirche. "Wenn wir dann noch an der Fußgängerampel warten mussten, weil Rot war, konnte es schon knapp werden", sagt Christine Zschippang. In der Kirche wurde dann das Geläut per Knopfdruck in Bewegung gesetzt. Jetzt geht alles über Funk, und alle Beteiligten sind richtig froh. Keine Spur von Technikverdrossenheit bei Kirchenleuten, denen man sonst, gelinde gesagt, traditionelles Denken nachsagt. "Das hilft uns wirklich, und es ist auch würdevoller bei der Zeremonie", sagt Pfarrer Ullrich Schuster. Denn jetzt muss er nicht mehr mit seiner Stimme das Klingeln im Nachbarraum übertönen. Dezent und unauffällig drückt Mitarbeiter Johannes Papperitz am Ende der Andacht eine Nummer in sein Handy und wie von Zauberhand bewegt, ertönen die Coswiger Glocken. Die Frauen im Pfarramt brauchen nicht mehr Telefongespräche abwürgen und Besucher aus dem Haus scheuchen, weil sie zur Kirche hasten müssen. Und: Sie können selbst an Beerdigungen teilnehmen. "Oft ist es doch so, dass es Gemeindemitglieder sind, die man persönlich kennt", sagt Christine Zschippang. Denen würde man gern die letzte Ehre erweisen. Doch das ging nicht, weil eine eben immer die Glocken bedienen musste.

Technisch möglich wird das alles durch eine kleine, unscheinbare Box hoch oben im Kirchturm. Hier hat der Verein "Bürgernetz Dresden" schon länger eine Art Umsetzer für schnelles Internet installiert. Maßgeblich an dem Aufbau dieser Verbindung beteiligt war der Coswiger Gerd Fehre. Er gehörte schon zu den Initiatoren der ersten Satellitenempfangsanlage für das "Westfernsehen" 1988.

Terror vom Glockenturm?

Wie das mit dem Handy so genau funktioniert, will Coswigs Pfarrer Ullrich Schuster weder wissen noch thematisieren. Fakt ist: Theoretisch ist es eine ganz normale Handynummer, die man irgendwie oder vielleicht per Zufall herausbekommen könnte. Dann könnte ein Schelm auch mal nachts eine Runde die Glocke läuten. Rein theoretisch. Eine Horrorvorstellung im Pfarramt. Erinnert man sich doch hier noch gut an die jahrelangen Streitereien mit Mietern aus dem benachbarten Wohngebiet, als das Geläut wieder auf seinen alten Vorkriegsstand gebracht worden war und sich einige Leute aufregten, dass es jetzt alle Viertelstunde bimmle. In der Folge gab es lange Diskussionen um Gutachten und die teilweise Dämmung des Glockenturmes. Falls es dennoch einem Hacker gelingen sollte, die Coswiger Glocken in seine Gewalt zu bekommen, wäre er nicht in der Lage, die Stadt nachhaltig zu terrorisieren. Denn die Läutezeit ist auf sieben Minuten programmiert. Dann schaltet sich das Getriebe ab.